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Die Mutter dreht alle Wasserhähne auf und kauert mit ihrem Kind auf dem Boden – damit rettet sie ihnen allen das Leben.

Als in der Nacht zum 14. Juni 2017 das verheerende Feuer im Londoner Grenfell Tower ausbrach, schliefen die 39-jährige Natasha Elcock, ihr Partner und ihre 6-jährige Tochter ahnungslos in ihren Betten.

Als die Familie merkte, dass etwas nicht stimmte und schließlich zu ihrem Entsetzen sah, dass es im Gebäude brannte, riefen sie die Feuerwehr an. Man riet ihnen, ruhig zu bleiben und auf keinen Fall ihre Wohnung zu verlassen, Hilfe sei unterwegs.

Natasha und ihr Partner waren sehr besorgt, vertrauten aber den Anweisungen. Sie harrten in ihrer Wohnung im 11. Stockwerk des Wohnhochhauses aus und warteten. Sie hielten sich an die Sicherheitsvorgabe, die jeder Bewohner des 24-stöckigen Wolkenkratzers kannte, die sogenannte “Stay-Put” (“Bleibt-wo-ihr-seid”) Regel. Solange das Feuer nicht in den Wohnräumen oder direkt im Hausflur wütete, sollten die Wohnungen im Brandfall keinesfalls verlassen werden. Seit einer Sanierung hatte das Gebäude feuerhemmende Türen, die einem Brand 30 Minuten lang widerstehen konnten – mehr als genug Zeit für die Feuerwehr, um die Bewohner sicher aus dem Haus zu eskortieren. So dachte man zumindest.

Doch am 14. Juni wurde diese Regel für viele Menschen im Grenfell Tower zum tödlichen Verhängnis. Da die Hilfskräfte eine akute Einsturzgefahr des Hochhauses annahmen, wurde die Evakuierung während der Löscharbeiten unterbrochen – eine Entscheidung, die noch heftig debattiert wird.

Nach anderthalb Stunden bangen Wartens sagte man Natasha und ihrer Familie, sie sollten jetzt doch auf eigene Faust versuchen, aus dem Haus zu entkommen. Doch als sie die Wohnung verlassen wollen, verbrennen sie sich die Hände – der Türknauf ist inzwischen glühendheiß geworden und die Tür lässt sich nicht mehr öffnen.

Natasha ist verzweifelt, gerät aber nicht in Panik. Sie läuft durch die Wohnung, dreht jeden Wasserhahn auf und lässt das Wasser auf die Böden rauschen. Sie schüttet Wasser auf die Wände und alle Oberflächen, die sie erreichen kann. Die Familie kauert sich in dem Raum zusammen, der noch am kühlsten ist und setzt ihre kleine Tochter auf den durchtränkten Teppich. Die Tür verbiegt sich in der Hitze, das Glas der Fenster bekommt Sprünge. Sie wissen nicht, wie lange sie durchhalten können und ob ihnen überhaupt noch jemand zur Hilfe kommen wird.

Das Wunder geschieht: Gegen drei Uhr morgens, nach einer Ewigkeit des Ausharrens, bricht die Feuerwehr die Tür auf. Sie bringen die erschöpfte Familie in Sicherheit, wo sie ärztlich behandelt werden – denn alle drei haben giftigen Rauch eingeatmet.

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Sicher ist bis jetzt nur, dass mindestens 30 Menschen im Grenfell Tower gestorben sind und zahllose Weitere noch immer vermisst werden. Hätte Natasha nicht so schnell und besonnen gehandelt, wären sie, ihr Partner und ihr Kind sicher unter den Opfern gewesen.

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